Projekthintergrund

TantalidenOrest tötete seine Mutter, weil diese seinen Vater ermordet hatte mit der Hilfe des Sohnes seines Großonkels, der den Mord an den Kindern seines Vaters (der mütterlicherseits auch sein Großvater war) rächte und damit eine Prophezeiung erfüllte, die den Brudermord der Großväter strafte, mit deren Taten sich wiederum ein Fluch über den Urgroßvater auswirkte, welcher eine Folge der Frevel des Ururgroßvaters an den Göttern des Olymp war…

 

Wer einmal versucht, die Verkettung der Geschichten der griechischen Mythologie zu verstehen, wird vermutlich nach kurzer Zeit Zettel und Stift zur Hand nehmen, um sich die verwirrenden verwandtschaftlichen Zusammenhänge aufzuzeichnen und die durch mehrere Generationen verlaufenden Stränge von Schuld und Rache nachvollziehen zu können. Die Abbildung zeigt eine Skizze, die ich mir zum Geschichtenstrang um Tantalos – Pelops – Atreus – Agamemnon – Orest gemacht habe. Die Übersichtlichkeit hält sich in Grenzen und dürfte damit exemplarisch sein.

Doch hat sich der geneigte Mythenfreund soweit durch Stammtafeln und Lexikoneinträge gewühlt, fangen die Fragen erst richtig an: Wer hat denn nun Orests Vater, den aus Troja zurückkehrenden Agamemnon ermordet? Während Homer die Tat allein Aigisthos, dem rächenden Neffen und Liebhaber von Agamemnons Frau Klytaimnestra, zuschreibt, verübt bei Aischylos die Gattin selbst die Tat; bei Sophokles, Apollodor und weiteren antiken Autoren werden beide zu gemeinsamen Tätern. Auch Motiv und Hergang der anderen Greueltaten unterscheiden sich stark in literarischen und bildnerischen Quellen.

Ich hoffe, dass dieses Beispiel die Spezifik im Umgang mit mythologischen Stoffen veranschaulicht: Der Wunsch nach Übersichtlichkeit im komplexen Geschichtenkosmos einerseits und der Erhalt des Quellen- und Deutungsspektrums auf der anderen Seite stellen eine besondere Herausforderung dar.

Da mir in diesem Kontext die Möglichkeiten dynamischer, interaktiver Grafik sowie dialogischer Netztechnologien als reizvolle Werkzeuge erschienen, habe ich mich mit meinem Diplom-Projekt dieses Themas angenommen. Ich habe nach einer Lösung für die Navigation durch den komplexen griechischen Mythenkosmos gesucht, die Überblick und  Detailinformationen intuitiv verbindet. Über einen Stammbaum lassen sich die verwandschaftlichen Beziehungen sowie Basisinformationen zu einzelnen Figuren abrufen. Darauf setzt das Mythenrezeptions-Wiki auf: eine laufend erweiterbare Sammlung von Beispielen der Wiederkehr mythologischer Motive in verschiedenen Zeitaltern und Kunstgattungen. MYTHOSKOP-Besucher bekommen damit nicht nur die Gelegenheit, das Netz der Mythen zu erkunden, sondern auch aktiv an seiner digitalen Sammlung mitzuweben.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.