Juni 2022

Redaktions-Team
Erfassung der Inhalte der ersten zwei Bücher der Bibliotheke des Apollodors

  • genealogische Informationen als Basis für die Stammbaum-Darstellung
  • Kurzfassung der Geschichten als Basis für Storylines

Studierende des Informatik-Projektpraktikums

  • Software-Tests zu Genealogie und Rezeptionszeitstrahl

Entwickler-Team

  • Optimierungen an Datenbank und Redaktionsoberfläche
  • Arbeiten am Grundaufbau des Portals
  • Navigations-Tests

Gorgoneion

Das Mythoskop-Projekt wird von einem schlangenköpfigen Glücksbringer, einem Gorgoneion, begleitet. Es stellt das abgeschlagene Haupt der Gorgo Medusa dar, deren Blick über den Tod hinaus magische Kräfte haben soll. Wir haben uns für dieses Apotropaion („Unheil abwendend“) entschieden, weil es ein faszinierendes Beispiel für die Ambivalenz antiker Mythenmotive ist.

Unsere Interpretation des Gorgonenhauptes schließt an eine Tradition an, die durch zahlreiche Zeugnisse (Reliefs, Münzen, Schmuck, Vasen, Mosaike, …) belegt ist. Vermutet wird eine frühe rituelle Verwendung von Gorgo-Masken zur Abschreckung Nichteingeweihter im Zusammenhang mit Mysterienkulten. Später fand sich das Gorgoneion als Schutzzeichen an Waffen, Gebäuden und Alltagsgegenständen. Der Charakter der Medusenhäupter hat sich über die Zeit stark verändert – von fratzenhaften Bestien hin zu schaurigen Schönheiten.

Die Geschichte der Medusa wird meist erzählt im Zusammenhang mit den Abenteuern des Perseus – dann ist es die Geschichte des Sieges eines Helden über ein Ungeheuer. Seltener kann man etwas über die Vorgeschichte der Medusa erfahren: eine außergewöhnlich schöne Frau, die den Zorn der Athene auf sich zog und bestraft wurde. Geht es um die Rivalität zwischen einer Göttin und und einer Sterblichen? Oder kann das abschreckende Äußere als Schutzmaßnahme gegen Übergriffe gedeutet werden?

Hier folgt eine kleine Auswahl von eingekürzten Informationen zu Überlieferungen des Mythos sowie zum Brauch des Gorgoneion.
 

Apollodoros Bibliotheke
(vermutlich 1. Jahrhundert n. Chr.)

Die Gorgonen hatten Häupter, mit Drachenschuppen übersäet, große Sauzähne wie Schweine, eherne Hände und goldne Flügel, mit welchen sie flogen. Jeden, der sie sah, den wandelten sie in Stein. Perseus stand nun bei den Schlafenden, und mit abgewandtem Angesicht, den Blick gegen seinen ehernen Schild gerichtet, in welchem er das Bild der Gorgo sah, schnitt er ihr, indem Athene ihm die Hand führte, das Haupt ab. 

Perseus schob nun das Haupt der Medusa in seinen Schubsack, und entfernte sich wiederum rücklings. 

Er hielt dem Könige und dessen zu Hülfe gerufenen Freunden abgewandten Gesichts das Gorgonenhaupt vor, wodurch Alle, die es sahen, Jeder in seiner augenblicklichen Stellung, in Stein verwandelt wurden.

Er gab das Gorgonenhaupt der Athene. Athene setzte das Haupt der Gorgo in die Mitte ihres Schildes. Einige sagen auch, Athene selbst habe der Medusa das Haupt abgeschlagen; und zwar, weil Gorgo sich mit ihr in der Schönheit hatte messen wollen. 

Gründliches mythologisches Lexikon
(Hederich 1770)

Medusa, eine von den drey Gorgonen oder Töchtern des Gorgons und der Ceto. Sie war unter ihren Schwestern allein sterblich, und dabey von einer solchen Schönheit, daß Neptun selbst sich in sie verliebete, und da er seine Händel in dem Tempel der Minerva mit ihr hatte, so verdroß solches diese Göttinn dermaßen, daß sie der Medusa schöne Haare in häßliche Schlangen verwandelte, und dabey machte, daß, wer sie ansah, sogleich in einen Stein verwandelt wurde. Indem sie aber auf diese Art sehr viele Menschen umbrachte, so schickte endlich Minerva den Perseus ab, welcher sie tödtete, ihr den Kopf abhieb, und ihn der Minerva überbrachte, die ihn denn auf ihren Schild heftete, und auch damit verschiedene ihrer Feinde in Steine verwandelte.

Ihr Kopf kömmt vielfältig auf alten Denkmaalen vor: er ist aber nicht allezeit so scheuslich, als man sich ihn wohl einbildet, sondern zuweilen überaus schön, so daß man fast kein schöner Gesicht haben würde, wenn man die Schlangen wegnähme. Es sind auch nicht alle Haare dergleichen, sondern sie nur mit solchen sparsam durchflochten. Vielmal oder meistentheils hat sie Flügel auf dem Kopfe. Oft findet man dabey fast gar keine Schlange, oder solche doch sehr versteckt. Man will auch, daß er zuweilen die Zunge herausstecke.

Der Aberglaube des Bösen Blicks bei den Alten
(Jahn 1855)

Daher fin­den wir denn überall das Gorgoneion angebracht, wo man eines Schutzes und Apotropaion bedurfte, an Mauern und Thoren, an Gebäuden aller Art, an Geräthschaften; an Allem was den Menschen persönlich umgab, Harnisch und Schild, Schmuck und Kleidung.

Hier liegt ein Gedanke zu Grunde, der alle religiösen Vorstellungen des Alterthums tief durchdringt, dass die Kraft zu segnen und zu heilen unzertrenn­lich von der zu schaden und zu vernichten ist und umgekehrt, dass daher auch in jeder Gottheit beide entgegengesetzten Sei­ten vereinigt sind. 

Im Mythus von der Gorgo tritt dieser Dualismus auffallend her­vor; wie wenn von zweien ihrer Blutstropfen der eine tödtet, der andere heilt. Und auch das Gorgoneion, indem es zum schützen­den Amulet wird, vereinigt diese entgegengesetzten Kräfte in sich.

Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie
(Roscher 1848-1937)

Perseus wurde fortan als Vernichter des gefährlichsten Ungeheuers gefeiert. Die furchtbaren Kräfte des Gorgonenhauptes waren nunmehr auf ihn übergegegangen: den abgeschnittenen Kopf, dessen Anblick noch femer tötete, benutzte er als wirksame Waffe gegen seine Feinde. Die Blutstropfen der Gorgo aber besassen die wunderbare Kraft zu heilen und zu vernichten.

Später wurde das Gorgonenhaupt (Gorgoneion) das regelmäßige Emblem der Aigis, des Schildes, welches die Gewittergottheiten Zeus und Athene führen; die zahlreichen Abbilder desselben aber benutzte man als Apotropaia (Schutzmittel) gegen alles Feindselige, namentlich aber gegen den bösen Blick.

Das Medusenhaupt von Blariacum
(Gaedechens 1874)

Und so konnte an einer neuen Reihe von Monumenten die bekannte Thatsache er­härtet werden, wie das Bild des Medusenhaupt als sicherstes Schutzmittel gegen bösen Blick und andern unheimlichen Zauber Gegenständen der verschiedensten Art angeheftet, dadurch aber zu einem so geläufigen Kunstmotiv wurde, das die Behauptung nicht irrig erscheinen wird: die Griechisch-Römische Kunst hat uns keinen figürlichen Schmuck so häufig überliefert wie das Medusenhaupt.

Meyers Großes Konversations-Lexikon
(1905–1909)

Gorgoneion, nach griech. Sage das von Perseus der Gorgone Medusa abgeschlagene Haupt, das Athene als versteinerndes Schreckbild in der Mitte der Ägis auf ihrem Schilde trägt; doch kommt der ursprüngliche Typus, ein en face gebildetes weibliches Fratzengesicht mit heraus gestreckter Zunge und Eberzähnen (Fig. 1), schon in der orientalischen Kunst vor. Als Unheil abwehrendes Schreckbild (Apotropäon) schmückt es Städtemauern, Waffen, Amulette etc. Die spätere Kunst formt es um zu einer im Todeskampf erstarrten, doch wunderbar schönen Frauenmaske mit von Schlangen durchzogenem Lockenhaar (Medusa Rondanini, in der Münchener Glyptothek, Fig. 2).

Das schlangenumzüngelte, die Zunge heraussteckende Gorgonenhaupt der Athener war in seinem Ursprunge nichts andres als eine besonders furchtbare Maske, der jeder Feind erlag, dem sie entgegengehalten ward.

Griechische Mythologie. Quellen und Deutung
(Ranke-Graves 1955)

Die Gorgonen, maskentragende Stellvertreterinnen der dreifaltigen Göttin, hatten glühende Augen und eine zwischen gebleckten Zähnen hervorhängende Zunge. Sie sollten Fremde von der unbefugten Teilnahme an den Mysterien abschrecken.

Quellen

Apollodoros / Moser, Christian Gottlob (Übers.): Apollodoros’s Mythologische Bibliothek, Stuttgart 1828
Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon, Leipzig 1770
Jahn, Otto: Der Aberglaube des Bösen Blicks bei den Alten, Leipzig 1855
Roscher, Wilhelm Heinrich: Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Leipzig 1884-1937
Gaedechens, Rudolf: Das Medusenhaupt von Blariacum, Bonn 1874
Meyer, Hermann Julius: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1907-1913
Ranke-Graves, Robert: Griechische Mythologie: Quellen und Deutung, Hamburg 1955

2020

Die Browser-Unterstützung von Flash-Inhalten wird beendet.
Das Ur-Mythoskop kann nicht mehr genutzt werden.

Hans Tornow überträgt die Stammbaum-Funktion in Javascript. Damit bleibt die Basisfunktion erhalten und funktioniert zu Demonstrations- und Testzwecken.